No Angels - Die deutschen Spice Girls
An dieser Stelle dürfen jede Woche neue Stars und Sternchen unseren Fashion-Thron besteigen und somit vorübergehend über den Modekosmos herrschen. Doch wehe, sie verstoßen gegen das Style-Protokoll bei Hofe! Denn Modesünder müssen dann der fashionQueen als Hofnarren dienen ...
Das Jahr 2000 bescherte uns die erste Staffel „Popstars“: Ein Massencasting, aus dem damals eine fünfköpfige Girlgroup entstand, die auf ihrem Weg ins harte Musikbusiness per Kamera begleitet wurde. Die „No Angels“ waren die Vorreiterinnen der heute inflationären „Talent“-Suche im TV. Und da dieses Phänomen damals noch frisch und unverbraucht war, hatten die Mädels durchschlagenden Erfolg: Millionen verkaufter Platten, ausverkaufte Touren und eine riesige Fan-Basis.
Zwischendurch stieg eine aus: Jessica bekam ein Kind, und es wurde gemunkelt, sie sei gegangen worden und hätte eigentlich gerne weitergemacht. Dann 2003 das überraschende Aus: Die No Angels trennten sich. Als Grund wurde „Erschöpfung“ angegeben – klar, die Gunst des Augenblicks musste ja gnadenlos genutzt werden und Sandy, Lucy, Vanessa und Nadja wurden vom Promotermin zum Auftritt zu Studioaufnahmen gehetzt und hatten keinerlei Privatleben mehr. Jede versuchte sich danach an einer Solokarriere; Sandy schaffte es solo sogar bis zu Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“, die Karrieren der anderen blieben bis auf einzelne Single-Auskopplungen aber mehr oder weniger unbeachtet.
2007 dann der einzig logische Schritt: Die „Engel“ taten sich wieder zusammen, allerdings ohne Vanessa. Angeblich war ein Zickenkrieg mit Sandy daran schuld. Die Reunion wurde trotzdem zum Erfolg. Alle ihre Castingshow-Nachfolger wie die „Preluders“ (man beachte das „raffinierte“ Wortspiel, ansonsten aber die viel hübschere Girlgroup), die schlimmen „Overground“ (eine weinerliche deutsche Boyband), das Multikulti-Projekt „Bro’Sis“ oder die unsäglichen „Nu Pagadi“ hatten es nicht über den Status eines One-Hit-Wonders hinaus geschafft.
Und da wir hier beim Thema Mode sind: Im Fall Nu Pagadi war der wohl schlechteste Stylist der Welt am Werk. Die an sich attraktiven Bandmitglieder (zwei Jungs, zwei Mädels) wurden in undefinierbare Fell-Lumpen gehüllt, die irgendwie mit Bändern zusammengehalten wurden, und sexy Pat, einem der Sänger (der eigentlich aus der Berliner Hardcore-Szene kommt), wurde gar ein blondes Haarteil an die Schulter gepinnt. Der Sinn des Ganzen erschließt sich wirklich niemandem. (Zu bewundern auf youtube.com). Und da sollen Musikbiz-Profis bei der Beratung am Werk gewesen sein?! Vielmehr wurden hier junge Talente gnadenlos verheizt, und das auch noch mehr als schlecht gekleidet. Bedauerlich. Wahrscheinlich war ihnen die unselige Nu-Pagadi-Posse so peinlich, dass sie erstmal einige Jahre im Untergrund verschwinden mussten. Die blonde Doreen tauchte dann irgendwann als Freundin von Proll-Rapper Sido wieder aus der Versenkung auf. Nun, auch kein großer Fortschritt.
Doch zurück zu den No Angels: Die konnten sofort wieder an ihre Erfolge anknüpfen, obwohl oder gerade weil sie sich in der Zwischenzeit alle weiterentwickelt haben wollen. So sind sie nun angeblich selbst diejenigen, die über Image, Songs und Tempo ihrer Karriere bestimmen.
Umso schlimmer, dass sich in Sachen Styling nichts getan hat! Die schlimmen Glitzeroutfits, die sie am Anfang ihrer Karriere trugen, mögen ihnen ja von (schlechten) Beratern verpasst worden sein – doch für die Outfits in den neueren Videos findet sich keine Entschuldigung mehr. Im Video zu „Teardrops“ beispielsweise sehen die Girls mit schwarzen Perücken und knappsten Kleidchen wie Unterhaltungsdamen in einem drittklassigen Nachtclub aus (siehe youtube.com). Und auch beim Comebacksong „Goodbye to yesterday“ drängt sich der Verdacht auf, eine Modeklasse voller Anfänger hätte da halt mal was mit ein paar Stoffresten probiert … (Wer sich auch das noch antun möchte, bitte sehr: youtube.com)
Und beim aktuellen Grand-Prix-Vorentscheid hüllten sich die No Angels in fragwürdige Chiffon-Ensembles, die dann unmotiviert im Ventilatorenwind geschwenkt wurden. Gewonnen haben sie trotzdem, und so werden Lucy, Nadja, Sandy und Jessica uns am 24. Mai beim Grand Prix in Belgrad vertreten. Doch bei aller Schelte: Die Mädels machen sehr nette, eingängige Popsongs, einige davon sogar mit Gänsehaut-Effekt. Schade nur, dass gerade „Disappear“, der Grand-Prix-Song, kein solcher ist ... Nicht, dass es am Ende heißt: „Germany – zero (fashion) points“!
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