BeQueen Logo
Antrag auf ständige Ausreise
(0 Bewertungen)

Antrag auf ständige Ausreise

von Jakob Hein

Goethe hat schon zu Lebzeiten vor dem Arbeiter- und Bauernstaat gewarnt? Erich Honecker wollte die DDR mittels offiziellen Ausreiseantrags verlassen und sich in seiner saarländischen Heimat auf das Altenteil begeben?

leseKing supatrupa hat die neue Taschenbuchausgabe von Jakob Heins „Antrag auf ständige Ausreise“ gelesen.

"Antrag auf ständige Ausreise" von Jakob Hein

"Antrag auf ständige Ausreise" von Jakob Hein 

Der Wahlberliner Jakob Hein, 1971 in Leipzig geboren und im Hauptberuf als Arzt tätig, hat ein sympathisches Buch mit seinen ganz persönlichen Mythen der DDR vorgelegt. In 30 kurzen Kapiteln erfahren wir erhellende, erheiternde oder erschreckende Kuriosa aus dem untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat. Da ist zum Beispiel die Rede von einer mechanisierten Waldameise, die als „Roter Kämpfer“ für den militärischen Einsatz geschaffen wurde, dann aber am „Njet“ der Sowjet-Führung scheiterte. Oder die Erzählung von den Schauspielschülern, die zum Kennenlernen der Alltagsrealität der Arbeiterklasse in die Betriebe geschickt wurden, dort aber schon nach kürzester Zeit die Arbeiterkollegen in Sachen Effizienz, Fleiß und Einfallsreichtum weit hinter sich ließen. Originell ist auch der „Jamaika-Plan“, durch den die Jugend mit afghanischem Cannabis für die DDR begeistert werden sollte.

Darüber kann man, muss man natürlich schmunzeln. Selbstverständlich entspringen alle diese DDR-Fantasiegeschichten dem Kopf des Verfassers. Jakob Hein erzählt sie allerdings derart nüchtern und glaubwürdig recherchiert, dass man sie fast zu glauben gewillt ist. Er, dem nichts ferner liegt als Ostalgie, will mit seinen grotesken Mythen den oft verklärenden (Rück-)Blick auf die DDR beleuchten, indem er sie zu einer Art Skurrilitätenkabinett überzeichnet.

Somit hinterlässt das Buch bei mir am Ende zwiespältige Gefühle: Soll es ein ernsthafter satirischer Versuch sein, die ostalgische Verklärung der DDR zu entlarven? Dann wären es meines Erachtens etwas mehr Tiefgang und Biss nötig gewesen. Oder will uns Jakob Hein einfach nur intelligente Unterhaltung bieten und den Leser das eine oder andere Mal auf eine falsche Fährte locken? Dann ist ihm das mit Einfallsreichtum bei vielen Geschichten durchaus gelungen.

Trotzdem: Ein nettes, unterhaltsames und schnell zu lesendes Büchlein, das sich ob der Kürze der Kapitel übrigens auch hervorragend als Auslage für das Gäste-WC eignet.

"Antrag auf ständige Ausreise" von Jakob Hein ist bei Piper erschienen und für 8 Euro bei www.amazon.de zu bestellen.

Haben Sie "Antrag auf ständige Ausreise" auch schon gelesen? Dann diskutieren Sie mit im beQueen-Literaturclub! Und wenn Sie auch gerne ein Buch für beQueen besprechen möchten, dann schreiben Sie mir eine E-Mail an florina@bequeen.de – ich freue mich über neue leseQueens!

Weitere Artikel

Bücher-Blog

* Pflichtfelder
schließen schließen